Mein erstes Renntraining

 

Als wir uns im Jahr 2002 nach langer Zeit wieder zusammenfanden, buchten wir voller Vorfreude unser erstes echtes Renntraining über Honda Austria auf dem pfeilschnellen Salzburgring. 

 

Doch die geplante Rückkehr auf die Piste ging schneller in die Hose, als wir gucken konnten, und hielt die gesamte Rettungskette in Atem. Im Nachhinein ist diese kurze, aber wilde Reise mit der Kawa ZX-9R und der Honda Fireblade eine unbezahlbare Anekdote, über die wir noch heute herzlich lachen können.

Es war das Ende einer Ära und der Beginn eines unvergesslichen Abenteuers. Ende der 1980er und Anfang der 1990er-Jahre waren wir eine eingeschworene Truppe. Wir haben gemeinsam die Straßen unsicher gemacht und jede freie Minute im Sattel verbracht. Wie es das Leben so will, verloren wir uns irgendwann aus den Augen: Einige meiner Freunde zog es nach Wien, der Alltag übernahm, und der Kontakt schlief langsam ein.

Doch das Benzin im Blut war stärker als die Zeit. Wie durch ein unsichtbares Band – keiner von uns weiß heute mehr genau wie – fanden wir Ende der 90er-Jahre plötzlich wieder zusammen. Die alte Dynamik war sofort wieder da. Um unser Wiedersehen gebührend zu feiern, fackelten wir nicht lange und buchten über Honda Austria unser allererstes echtes Renntraining auf dem legendären, pfeilschnellen Salzburgring. Vermutlich muss das 2002 gewessen sein.

Schon die Anreise war im Nachhinein betrachtet eine absolut kuriose Nummer. Ich habe kurzerhand einen Transporter gemietet und packte meine damalige Freundin Manuela – von allen einfach Manu genannt (und heute übrigens meine Ehefrau!) – ein. Unser erster Zwischenstopp: Wien, direkt zu meinem damaligen Freund und heutigem Ex-Freund Reiner.

Dort in Wien angekommen, lernten Manu und ich auch gleich seine Ehefrau kennen. Eine Perserin und wirklich super nett! Ich habe bis heute keine Ahnung, wie Reiner diese tolle Frau überhaupt kennengelernt, geschweige denn geheiratet hat – aber wie heißt es so schön? Auch ein blindes Huhn findet mal ein Korn! Wir verbrachten eine lustige Nacht in Wien, bevor es am nächsten Morgen so richtig losging. Wir luden Reiners Honda Fireblade zu meiner Kawasaki ZX-9R in den Transporter, schlossen die Türen, und die Karawane setzte sich in Bewegung: Reiner im Pkw voraus und ich mit dem vollgepackten Transporter immer hinterher. 

Doch kurz vor dem Salzburgring nahm das Chaos seinen Lauf. Plötzlich tauchte die Polizei auf und zog Reiner aus dem Verkehr. Ich bin natürlich sofort dahinter stehen geblieben. Beim Aussteigen konnte ich mir ein fettes Grinsen nicht verkneifen und lachte Reiner noch lautstark aus, weil er offensichtlich zu schnell gefahren war. Schadenfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude.

Das Lachen verging mir allerdings schlagartig, als die Polizisten plötzlich breit anfingen zu grinsen. Ihre trockene Antwort: "Haha, Sie sind doch direkt hintereinander gefahren und waren somit ganz genau gleich schnell! Die Strafe gilt somit auch für Sie." Ich weiß heute gar nicht mehr, wie teuer das Knöllchen damals war, aber in diesem Moment hatte ich den Kaffee bereits gründlich auf. Und das Schlimmste daran? Das war erst das Vorgeplänkel, denn es sollte noch um einiges verrückter werden.

Wir hatten uns für das Wochenende eine kleine, gemütliche Pension in der Nähe des Salzburgrings gebucht. Der Plan war perfekt: Wir wollten uns am Vorabend in aller Ruhe mental auf das schöne Wochenende einstimmen. Das für Samstag und Sonntag gebuchte Renntraining sollte morgens um 8 oder 9 Uhr starten. Für uns hieß das, dass wir spätestens um 7 oder 8 Uhr an der Rennstrecke sein wollten, um rechtzeitig auszuladen, uns anzumelden und die Maschinen vorzubereiten. Wir wollten also richtig zeitig los.

Ein absolut logischer Plan – dachten wir zumindest. Nur hatten wir die Rechnung ohne Reiners Frau gemacht. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie eine Person kennengelernt, die eine solche Seelenruhe besitzt. Während mir vor Nervosität und Vorfreude auf das Training schon das Adrenalin aus den Ohren schoss, saß sie am Frühstückstisch und rührte geschlagene fünf Minuten lang in Zeitlupe ihren Tee um. Fünf. Ganze. Minuten. Unfassbar! Der Löffel klackerte monoton im Glas, die Uhr tickte erbarmungslos gegen uns, und ich hatte im Kopf alle möglichen und unmöglichen Gedanken. Ich sah uns im Geist schon die Fahrerbesprechung verpassen, während am Frühstückstisch die Zeit stillstand. Meine Nerven lagen blank, noch bevor wir überhaupt einen Meter auf der Rennstrecke gefahren waren. 

Irgendwann schafften wir es dann aber tatsächlich an die Rennstrecke und luden die Motorräder aus. Am Samstag stieß dann auch noch René aus Wien zu uns – damals ein liebgewonnener Freund von Reiner. Heute ist er natürlich auch ein Ex-Freund von Reiner, aber für mich ist er bis heute ein richtig guter Freund geblieben, mit dem ich immer noch regelmäßig schreibe. René kam allerdings nicht allein, sondern brachte seinen Kumpel Fischi (Wolfgang) mit. Die beiden hatten eigentlich geplant, Renés BMW R 1100 R und Fischis Yamaha Fazer 1000 auf einen relativ kleinen Anhänger zu packen und ganz gemütlich nach Salzburg zu juckeln. Aber die BMW war einfach zu breit – egal, wie sie es anstellten, es passte nicht. Also disponierten sie kurzerhand um und reisten super spontan direkt auf ihren Achsen an. Unsere Frauen, René und Fischi suchten sich schließlich ein schönes Plätzchen auf einer der Tribünen, um sich das ganze Spektakel von dort oben anzusehen. Was ich zu diesem Zeitpunkt allerdings überhaupt nicht wusste: René war Arzt. Ein winziges, aber entscheidendes Detail, das sich am Ende noch als absoluter Glücksfall herausstellen sollte.

Nach dem Ausladen nahmen wir an der offiziellen Einweisung von Honda Austria teil. In diesem Moment schlug mein Herz bis zum Himmel. Die Coolness der Landstraße war wie weggeblasen. Ich war so unfassbar nervös, ich hätte mir vor Aufregung fast in den Lederkombi gemacht. Dabei möchte ich eines wirklich betonen: Ich beziehungsweise wir waren damals wirklich gute Motorradfahrer. Ohne jede Überheblichkeit würde ich sogar sagen: sehr gute Motorradfahrer. Wir wussten, wie man am Kabel zieht. Aber auf der Rennstrecke stapelt man eben lieber einmal tief, um am Ende nicht komplett doof dazustehen.

Reiner und ich ließen uns für den Start vernünftigerweise erst einmal in die langsamste Gruppe einteilen. Unser Plan stand fest: Die ersten Runden hübsch diszipliniert hinter dem Instruktor herfahren, um die Linie zu lernen, zu sehen, was überhaupt geht und wie es geht, und um vor allem diese verdammte Nervosität endlich abzulegen. 

Es dauerte vielleicht gerade einmal anderthalb Runden, da flogen alle guten Vorsätze komplett über Bord. Reiner legte plötzlich los wie die Feuerwehr! Jegliche Disziplin war vergessen: Er und seine umgebaute Fireblade fackelten nicht lange, überholten eiskalt den Instruktor und verschwanden mit lautem Aufheulen hinter der ersten Schikane nach Start und Ziel.

Ups, und was jetzt?, dachte ich mir nur, während ich hinterherschaute. Ich gab mein Bestes, aber ich konnte mich dann schätzungsweise auch nur noch eine halbe Runde lang zurückhalten. Dann packte mich das Jagdfieber ebenfalls. Ich überholte ein oder zwei andere Teilnehmer und machte mich mit meiner ZX-9R auf die Verfolgung von Reiner. Da wir beide aber ungefähr gleich gut Motorrad fuhren, wusste ich eigentlich genau: Der Kerl ist weg. Den sehe ich so schnell nicht wieder, und ich werde ihn wohl erst nach dem Ende des ersten Runs glücklich im Fahrerlager wiedertreffen. 

Ich meine mich daran zu erinnern, dass ich Reiner auf meiner wilden Jagd eigentlich nie direkt auf der Rennstrecke vor mir sah. Okay, er hatte Vorsprung, aber mein Gefühl sagte mir, dass er da vorne doch irgendwann mal etwas langsamer machen, mich rankommen lassen und wir den Run ganz entspannt gemeinsam zu Ende fahren würden. Und so gesehen muss ich im Nachhinein sagen: Er hat mich tatsächlich auch näher rankommen lassen. Nur eben auf eine etwas andere, unfreiwillige Art und Weise. Warum konnte sich Reiner bloß nicht ein bisschen zurückhalten? Das wäre wohl im Nachhinein der deutlich bessere Wortlaut gewesen.

Er lag nämlich im Kiesbett. Und zwar direkt vor der letzten Schikane vor Start und Ziel.

Im ersten Moment hatte ich das überhaupt nicht auf der Scheibe, dass das da drüben Reiner war. Ich fuhr vorbei und sah nur noch ein ziemlich bizarres Bild: Da steckte ein Pilot kopfüber mit dem Helm im tiefen Kies. Die Streckenposten sprangen bereits wie wild umher und wedelten hektisch mit den roten Flaggen. Der Run wurde sofort komplett abgebrochen, und alle Fahrer mussten die Strecke auf dem schnellsten Weg verlassen.
Im Fahrerlager angekommen, war Manu sofort da und fing mich ab. Sie und die anderen saßen nämlich genau auf der Tribüne, vor der Reiner seine spektakuläre Stunteinlage aufs Parkett gelegt hatte, und hatten den perfekten Blick auf das Desaster. Die Aktion muss wirklich absolut wild ausgesehen haben. Gut, heute – nach fast 30 Jahren – kann man im Nachhinein natürlich herzlich darüber lachen. Aber in genau diesem Moment, mit dem Helm unterm Arm im Fahrerlager, dachte ich mir nur fassungslos: Warum? Warum muss das ausgerechnet Reiner sein?! 

Zum Glück funktionierte die Rettungskette an der Rennstrecke tadellos. Ein Krankenwagen war sofort zur Stelle und las den Pechvogel im Kiesbett auf. Da die Besatzung des Wagens damals aber "nur" aus Sanitätern bestand, schlug nun die große Stunde unseres Wochenend-Jokers René. Als Arzt fackelte er nicht lange, übernahm die Initiative, verabreichte Reiner erste Medikamente und hängte ihn an eine Infusion.

Als der lädierte Reiner schließlich für den Transport ins Krankenhaus verfrachtet wurde, schalteten René und Fischi endgültig in den Action-Modus: Sie schwangen sich auf ihre Bikes und eskortierten den Krankenwagen. Mit Blaulicht und Folgetonhorn raste die Rettung los, und die beiden hängten sich mit der BMW und der Fazer direkt ans Heck. Sie ignorierten jede rote Ampel und zogen voll durch bis ins Spital, während sie von sämtlichen genervten Autofahrern wüst angehupt wurden. Eine absolut filmreife Verfolgungsjagd! Die genaue Diagnose ist über die Jahre zwar etwas verblasst, aber es waren wohl glücklicherweise "nur" heftige Prellungen und eine ordentliche Gehirnerschütterung. 

Nach der Untersuchung im Spital konnte Reiner dann zum Glück wieder zurück zu uns ins Fahrerlager gebracht werden. Aber der Sturz hatte eben seine Spuren hinterlassen: Er übergab sich erst einmal zweimal mitten im Fahrerlager und lag danach mehr tot als lebendig auf einem Holztisch unter einer Zeltplane. René, der ihn nach der Rückkehr aus dem Krankenhaus noch einmal gründlich untersuchte, meinte nach dem ganzen Schlamassel nur trocken in seinem tiefsten Wiener Dialekt: "Des wird scho wieder!"

Fest steht jedenfalls: Für mich war das erste Renntraining meines Lebens ebenfalls deutlich schneller zu Ende, als ich es mir jemals erträumt hatte. Ich glaube, insgesamt bin ich an diesem Wochenende gerade einmal drei oder vier Runden gefahren. Nach einer gefühlten Ewigkeit brachten die Streckenposten dann auch noch Reiners schwer lädierte Honda ins Fahrerlager – die Fireblade war nur noch ein trauriger Haufen Schrott. 

Am späten Nachmittag zogen wir schließlich die Reißleine. Wir packten meine Kawa und Reiners kaputte Honda zurück in den Transporter, sagten die gebuchte Pension kurzerhand ab und machten uns vom Acker. Die Heimreise war mindestens genauso kurios wie die Ankunft: Dieses Mal saß Reiners Frau am Steuer des Pkw und fuhr voraus in Richtung Wien. René und Fischi machten sich auf ihren treuen Eisen ebenfalls wieder auf den Weg in die Heimat.

Manu und ich haben in der Nacht in Wien noch im Eiltempo alles ausgeladen, sind dann aber sofort weiter in Richtung Deutschland durchgestartet. Irgendwann fielen uns so sehr die Augen zu, dass wir den Transporter am Straßenrand abstellen und einfach darin schlafen mussten.

Das Fazit der Geschichte: Immer schön ruhig bleiben und eisern an seinen eigenen Vorsätzen festhalten! Sobald man übermütig wird, kann und wird es auf der Rennstrecke meistens gründlich in die Hose gehen.
Das Einzige, was mir von diesem absolut verrückten Trip heute wirklich fehlt, sind die Fotos. Leider habe ich viel zu wenige Bilder von damals – ein echter Jammer. Aber die Erinnerung im Kopf, die bleibt für immer. 

 

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